Vortrag anlässlich des 100jährigen Kirchweihjubiläums der Arnsdorfer Krankenhauskirche am 17. November 2013


  

Von der Anstaltsgemeinde zur Krankenhausseelsorge

Peter Findeis


Zur Anstaltskirche

Bereits zwei Monate nach Eröffnung der Königlich-Sächsischen Heil- und Pflegeanstalt begann das Land Sachsen am 3. Juni 1912 mit dem Bau der Anstaltskirche. Bald erhob sich gegenüber der Baukantine, die auf dem heutigen Parkplatz stand, ein gewaltiges Holzgerüst. Am Bau der Kirche war maßgeblich die Arnsdorfer Firma Arthur Hörnig beteiligt. Die Kirche wurde, wie auch alle anderen Gebäude der Anstalt, in einem rasanten Tempo und, was besonders bemerkenswert ist, in hoher baulicher und künstlerischer Qualität bei Einhaltung der vorgegebenen Kosten in Höhe von 160 T Goldmark errichtet. Sie ist ein Bau der Reformarchitektur. Tatsächlich spielt die Anstaltskirche für die Architekturgeschichte der Reformzeit eine besondere Rolle. In ihrer exponierten Lage ist sie das Herzstück der Anlage und bautechnisch von sehr großer Bedeutung. Errichtet wurde sie von der Baudirektion Dresden. Die Baupläne haben Oberbaurat Oskar Bernhard Reh und Bauhauptmann Grube unterzeichnet. Übrigens wirkte ein Nachfahre von Oberbaurat Reh auch bei der Sanierung der Krankenhauskirche in den 90er Jahren im Auftrag des Staatshochbauamtes Dresden mit. Ulrich Hübner, Mitarbeiter bei der Denkmalschutzbehörde Dresden, schreibt im Jahrbuch 2005 des Landesamtes für Denkmalpflege Sachsen zur Bedeutung der Krankenhauskirche: Das Bauwerk ist eine künstlerische Neuheit und bautechnisch modern. Das zeigt auch das Rabitzgewölbe, dass als Kuppel den Gemeinderaum überspannt. „Die Kirche ist eine der wenigen erhaltenen Zentralbaukirchen der Zeit. Die von allen Seiten gleich erlebbare Gestalt des Baukörpers weist auf den zentralen Innenraum, der unmittelbar mit der Entwicklung des protestantischen Kirchenraumes zusammen hängt. Dieser erfuhr mit den Ergebnissen des Wiesbadener Programms eine Umstrukturierung. Jetzt sollte die Einheit der Gemeinde mit Gott im Gottesdienst durch die Verschmelzung von Chor und Gemeinderaum betont werden. Erste architektonische Lösungen dafür zeigen der Innenraum der Christuskirche in Dresden und zum Beispiel die Parentationshalle des Krematoriums in Dresden-Tolkewitz. Eine ebenso vorbildlose Besonderheit ist der leichte, einem Theaterparkett vergleichbare Anstieg des Gemeinderaumes. Dieses Element übersteigert regelrecht die Forderung nach Verschmelzung von Chor und Gemeinderaum. So stellt die Arnsdorfer Kirche einen grundlegenden kunst- und kulturhistorischen Wert dar, der nicht nur Architektur-, sondern auch Kirchengeschichte widerspiegelt. Die viel zitierte Verwandtschaft zu Otto Wagners Kirchenbau in der Wiener psychiatrischen Heilanstalt zeigt sich in Arnsdorf vor allem in der dominanten erhöhten Lage als kompakter Kirchenbau mit Freitreppe. Formal ästhetisch unterscheiden sich die beiden Sakralbauten aber grundsätzlich in der äußeren Gestaltung. Während Wagner die Kirche in Wien hoch überkuppelte und die klassizierende Grundform mit plastischem Jugendstilschmuck versah, wirkt die Kirche in Arnsdorf bodenständiger und urtümlicher. Ästhetische Merkmale an diesem Bauwerk sind beispielsweise das Verhältnis zwischen tief gezogenem Dach und Putzfläche, der gedrungene Turm, der pylonenartig eingefasste Eingang, die Vorhalle, eine nach außen nicht wahrzunehmende Apsis und seitliche Vertikalfenster. Auch wenn einzelne Gestaltungselemente dem Jugendstil nahe stehen, ist der Gesamtcharakter des Bauwerkes in seiner Monumentalität  und Symbolhaftigkeit der Reformbaukunst verpflichtet.“

Am 25. September 1912 beauftragte man die Glockengießerei Bierling aus Dresden drei Bronzeglocken für die Anstaltskirche zu gießen. Am 16. November 1912 erfolgten Prüfung und Übernahme der Glocken durch den geistlichen Kommissar Kretschmer, Bauamtmann Grube und Anstaltslehrer Hübner in der Glockengießerei Bierling. Dabei wurde festgestellt, dass die Glocken einen F-Dur-Dreiklang erklingen ließen, bestellt war jedoch Fis. Man verzichtete auf einen Neuguss der Glocken und vereinbarte Kauf und Anlieferung der Glocken zum 17. Dezember 1912. Die Errichtung des Gerüstes und der Aufzug der Glocken war Aufgabe der Glockengießerei. Auf einem Lastwagen, begrenzt mit Girlanden, wurden die Glocken am 20. Dezember 1912 vom Bahnhof in die Anstalt gebracht. Am gleichen Tag 9.45 Uhr fand in der Kirche selbst der Weiheakt statt. Im Kirchenschiff war seitens der Bauleitung ein mit Fichtenreisig trapiertes Podium geschaffen worden, da der Kircheninnenraum noch Baustelle war. Zum Weiheakt versammelten sich Beamte mit ihren Angehörigen und Kranke. Die Glocken zog die Glockengießerei mit einem Flaschenzug auf den Turm. 12.30 Uhr bereits ließen die Glocken zum ersten Mal ihr Geläut erklingen.  Wie der Chronik zu entnehmen ist, wogen Glocken und Glockenstuhl 52 Zentner. Am 22. Dezember 1912, das war der 4. Advent, ertönten die Glocken zum ersten Mal als Einladung zum Gottesdienst. Im 1. Weltkrieg wurden die beiden großen Glocken vom preußischen Kriegsministerium beschlagnahmt und am 18. Juni 1917 vom Turm abgenommen, in transportable Stücke zerschlagen und abtransportiert. Es blieb die kleine Glocke erhalten, die in der Zwischenzeit zu den Gottesdiensten läutete. In Vorbereitung auf das neue Geläut hat man 1920 die verbliebene Glocke an die Landesanstalt Zschadraß abgegeben. Am 7. Januar 1921 konnten die neuen Eisenhartgussglocken der Gießerei Schilling und Lettermann aus Apolda aufgezogen und geweiht werden. Die Glocken ertönen im As-Dur-Dreiklang. Sie trugen neben der Jahreszahl 1920 Bibelverse aus Jesaja 40, 31: „Die auf den Herren harren, kriegen neue Kraft“ und Römer 12,12: „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.“ Die große Glocke trägt die Worte: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid.“ Math. 11,28 1997 erhielt die Kirche ein elektrisches Läutewerk. Bis dahin oblag das Läuten jeweils um 7.00, um 12.00 und 17.00 Uhr einem Patienten. Nennen möchte ich hier u. a. Herrn Thomas Schulze, der diesen Dienst bis zu seiner Verlegung in die Außenstelle Königsbrück versah.

   

Am 10. Februar 1913 lief die Frist zur Abgabe von Angeboten auf die Ausschreibung für die Kirchenorgel ab. Zu Angeboten aufgefordert waren die Firmen Eule, Bautzen, Jahn, Dresden und Gebrüder Jehmlich, Dresden. Man entschied sich, nach Auswertung der Ausschreibung, für eine Orgel der Firma Gebrüder Jehmlich. Die pneumatische Kegelladenorgel mit 20 Registern auf zwei Manualen und Pedal entsprach mit ihren 1294 Pfeifen, 120 aus Holz und 1174 Metallpfeifen, den musikalischen Anforderungen. Die Prospektfassade aus Kiefernholz trug 49 Metallpfeifen, umrahmt von Schnitzereien aus Lindenholz. Die Lieferzeit für die Orgel betrug 10 bis 12 Wochen. Die vergleichsweise schnelle Anfertigung ließ sich jedoch nur über ein System mit baukastenähnlich vorgefertigten Bauteilen und manufakturartigen Fertigungsabläufen umsetzen. Die Kosten für die Orgel beliefen sich auf knapp 10 T Goldmark. Aus Kostengründen verzichtete man auf den Einbau von weiteren 5 Registern, die erst im Dezember 1930 nachgerüstet werden. Die Prüfung und Übernahme der von den Gebrüdern Jehmlich, Dresden, erbauten Kirchenorgel erfolgte am 6. November 1913 durch den Organisten Dr. Schnorr von Carolsfeld von der Dresdner Dreikönigskirche, der als Orgelsachverständiger des Landeskonsistoriums damit betraut worden war. In den ersten Nachkriegswochen des 2. Weltkrieges plünderte man die Metallpfeifen. Seitdem war die Orgel nicht mehr spiel- und nutzbar. An ihre Stelle trat ein Harmonium, das bis 1998 seinen Dienst versah und die Gemeinde bei ihrem Gesang begleitete. Eine Wiederherstellung der Jehmlich-Orgel im Rahmen der Innenraumsanierung konnte aus Kostengründen leider nicht erfolgen, dafür erhielt die Kirche 1998 eine Ahlborn-Computer-Orgel mit Lautsprecheranlage im historischen Orgelprospekt.

Der freistehende Altar aus Marmor trägt einen schlichten Eichenholzaufsatz und wird von zwei vergoldeten Schrankengittern flankiert. Das Altarbild zeigt die Heilung eines Gelähmten durch Jesus vom Dresdner Künstler Oskar Popp. Von Popp stammen auch zwei Wandgemälde an den Seitenwänden der Orgelempore der Görlitzer Martin-Luther-Kirche mit Szenen aus dem Leben des Reformators. Das Altargemälde in unserer Kirche wurde 1945 durch Messereinstiche, z.B. unter der ausgestreckten Hand von Jesus, stark beschädigt. Die Restaurierung des Altars erfolgte im Rahmen der Kirchensanierung in den 90er Jahren. Dabei wurde auch der Eichenholzrahmen neu gefügt und verleimt. Ein riesengroßer, nicht mehr regulierbarer  Heizkörper an der Rückseite des Altars hatte diesen Schaden durch massive Temperaturschwankungen verursacht. Im Rahmen der Sanierung der Kirche hat man diesen Heizkörper entfernt und im Chorbereich eine Bodenheizung eingebracht.

Der hölzerne Taufstein weist noch seine ursprüngliche Farbfassung auf. Er harrt noch seiner Restaurierung und steht auf der Empore.

Die Kanzel stand ursprünglich am Ende des Mitteleinganges im Chorraum. Sie wurde Ende der 50er Jahre abgebaut und durch einen kleinen Altartisch und ein Lesepult ersetzt. Eine Anmerkung in der Chronik der katholischen Gemeinde liefert hierfür vermutlich die Gründe: „Es lässt sich schwer predigen wegen der schlechten Akustik. Man kommt sich an dieser Stelle nicht vor wie ein Prediger, sondern wie ein Redner. Die Gläubigen sitzen zerstreut in der Kirche, so dass sich der Priester sehr anstrengen muss.“ Ich selbst habe noch Predigten von dieser Kanzel erlebt und muss bestätigen, dass die Worte des Pfarrers kaum zu verstehen waren.  

Die Wandleuchten sowie die freistehenden Leuchter sind größtenteils bauzeitliche Originale. Die 12 fünfarmigen Kandelaber aus Altmessing im Kirchenschiff erinnern in ihrer Gestalt an eine Menora. Von der ursprünglichen Ausstattung sind noch heute u. a. die historischen Altarleuchter, gestiftet zur Kirchweihe von Anstaltspfarrer Ottomar Weber und dem Arnsdorfer Gemeindevorstand Clemens Träber, die Opferstöcke und die Schränke in den Sakristeien erhalten.  

Die ursprüngliche Bemalung der Kirche ist erhalten geblieben und war bis zum Beginn der Restaurierung stark in Mitleidenschaft gezogen. Heute ist sie im Original wieder hergestellt. Erneuert wurde auch der Kunstmarmor im Chorbereich.  

 

 

 

 



Zur Anstaltsgemeinde

Bis zum Ende des 1. Weltkrieges waren Staat und Kirche eine organisatorische Einheit. Mit der landesherrlichen Kirchengewalt wurde ein Staatsminister beauftragt. Die kirchlichen Belange regelte ein Landeskonsistorium, an dessen Spitze als Präsident ein Jurist und ein Oberhofprediger als Theologe standen. Das bedeutete für die Landesanstalt: Die hier eingesetzten Pfarrer wurden praktisch von der Regierung bestimmt und waren Beamte des Staates wie alle anderen Beamten der Landesanstalt auch. Das sollte sich erst nach 1919 auf der Grundlage der Weimarer Verfassung schrittweise ändern. Übrigens hat Sachsen erst 1922 das Amt eines evangelischen Landesbischofs eingerichtet.

Noch vor dem Baubeginn der Anstaltskirche fand am 5. Mai 1912, dem Sonntag Kantate, die Einweisung von Anstaltspfarrer Weber und Anstaltslehrer Hübner statt. Letzterer wurde später Kantor und Organist der Anstaltskirche. Zu diesem Zweck war der Kommissar für das Geistliche und Lehramt bei den Landesanstalten, Konsistorialrat  Hofprediger Kretschmer, Dresden, assistiert von Anstaltspfarrer Wehrmann, Großschweidnitz, nach Arnsdorf gekommen. Mit diesem ersten Gottesdienst wurde die Anstaltsgemeinde als selbständige evangelische Gemeinde in Arnsdorf gegründet. Zu dieser Gemeinde gehörten alle Kranken und alle an der Anstalt beschäftigten Personen, gleich wo sie wohnten. Der erste Gottesdienst fand in einem saalartigen Tagesraum des Männerhauses A 3 statt. Dieser Saal war würdig ausgestattet mit Altar und Harmonium. Zu diesem Einweisungs- und Eröffnungsgottesdienst, der nachmittags um 5.00 Uhr stattfand, hatten sich Kranke und Beamte mit ihren Angehörigen zahlreich eingefunden. Ausgeschmückt wurde die Feier durch einen vierstimmigen Gesang des neu aus Pflegerinnen und Pfleger gegründeten Kirchenchores unter der Leitung von Anstaltslehrer Hübner. Den Gemeindegesang begleitete am Harmonium der Arnsdorfer Lehrer Griesbach.

Am 15.9.1912 feierte die Anstaltsgemeinde das erste Erntedankfest. Der Gottesdienst fand erstmalig statt in der auf dem Anstaltsfriedhof errichteten Parentationshalle, die gleichzeitig dadurch ihre kirchliche Weihe erhielt. In ihrer schmucken Einfachheit, so schreibt der damalige Chronist, macht die Halle einen sehr würdigen Eindruck. Der Gottesdienst war außerordentlich zahlreich besucht von Kranken, Beamten und auch Arnsdorfer Einwohnern. – Die Parentationshalle sollte bis zur Fertigstellung der Anstaltskirche Ort für die sonntäglichen und sonstigen Gottesdienste der Anstaltsgemeinde sein.

Ein Jahr später, am 16. November 1913, fand die Weihe der Anstaltskirche statt. Der Beginn war auf 10.00 Uhr festgesetzt. Das Ministerium hatte jedoch gebeten, mit dem Beginn der Feier zu warten, bis die mit dem hier 9.48 Uhr eintreffenden Zuge ankommenden Festgäste am Verwaltungsgebäude angelangt sind. Außerdem ging das Ministerium davon aus, dass der Gottesdienst nicht über 1 ½  Stunden dauere. Trotz des schlechten Wetters versammelten sich zahlreiche Ehrengäste und ein Teil der Beamten der Anstalt mit ihren Damen im Verwaltungsgebäude, von wo aus sie unter dem Klang der Glocken zu der neuen Kirche gingen. Am Portal der Kirche angelangt, übergab der Baudirektor der Landesanstalten, Oberbaurat Reh, den Schlüssel der Kirche dem Vertreter der königlichen Staatsregierung, Ministerialdirektor Geheimen Rat Heink, welcher denselben dem Direktor der Anstalt, Obermedizinalrat Dr. Schulze weiterreichte, der ihn wiederum mit Worten des Dankes für die Fürsorge der Staatsregierung und Segenswünschen für die Kirchgemeinde dem geistlichen Kommissar der Landesanstalten, Konsistorialrat Hofprediger Kretschmer zur Weitergabe an den Anstaltspfarrer Weber aushändigte. Von ihm wurde darauf unter herzlichen Worten das Portal der Kirche geöffnet. Nachdem all die hohen Vertreter von Staat und Kirche, die Geistlichen der Nachbarschaft, Vertreter von Bahn- und Postverwaltung, des Gemeinderates, Kirchen- und Schulvorsteher, das Lehrerkollegium zu Arnsdorf, die Anstaltsgemeinde mit Beamten und Kranken, ferner all diejenigen aus Nah und Fern, die den Bau mit zustande gebracht und haben fördern helfen, in der Kirche versammelt waren, sang die ganze Versammlung unter Leitung der Pflegerkapelle den ersten Vers des Liedes: „Allein Gott in der Höh` sei Ehr.“ Worauf Hofprediger Kretschmer die Kirche mit ihren Altargeräten und der Orgel weihte und der Anstaltsgemeinde zur Benutzung übergab. Die Festpredigt hielt Pfarrer Weber. Der abschließende Gesang des Kirchenchores unter Leitung des Anstaltslehrers Hübner wurde durch das Spiel auf der neuen Orgel begleitet.

Damit hatte Arnsdorf eine zweite Kirche, die Anstaltskirche, neben der im Ort, die fortan Dorfkirche genannt wurde. Die Anstaltskirche ist seit dem Eigentum des Landes. Geweiht wurde sie als evangelische Kirche. In weiser Voraussicht erhielt sie zwei Sakristeien, je eine für den evangelischen und katholischen Seelsorger.

Bis Anfang der 40er Jahre fanden in der Kirche regelmäßig Gottesdienste und musikalische Abendandachten statt. Der Eintritt für die Konzerte erfolgte jeweils gegen Entnahme eines Programmes für 10 Pfennige. Vom Erlös hat man die Druckkosten einbehalten. Die restlichen Beträge gingen an den Hilfsverein für Geisteskranke.   

Das Jahr 1914 ist auch für die Anstaltsgemeinde ein ereignisreiches Jahr. Im Juli besucht der geistliche Kommissar, Hofprediger Kretschmer, den Hauptgottesdienst in der Anstaltskirche. Er besichtigt danach die Dienstwohnungen des Anstaltspfarrers und des Anstaltslehrers. Im September findet in der Anstaltskirche der erste sogenannte Orgelübungsabend statt. Derartige kleine Orgelkonzerte finden zukünftig aller 14 Tage statt. Es spielen Organisten aus Dresden und der näheren Umgebung.

Am 1. August befiehlt der Deutsche Kaiser die allgemeine Mobilmachung von Heer und Marine. Aus der Anstalt erhalten allein 32 von 36 Pflegern die Einberufung. Einen Tag später gibt es 11.00 Uhr in der Anstaltskirche eine Abschiedsandacht. 17 Bedienstete fallen im Krieg. Ihrer wird auf der Gedenktafel auf der linken Seite des Kirchenschiffes gedacht. In der Anstalt wird ein Reservelazarett mit eigenständigem Pfarramt eingerichtet.  Im November  liegen hier bereits 580 Verwundete. Am 24. Januar 1915 hält der neue Seelsorger von Wallroda und Arnsdorf, Pfarrer Claus, seine Antrittspredigt in dieser Kirche. Eine Woche später wird im Frühgottesdienst der neue Anstaltspfarrer Zuckschwerdt in sein Amt eingeführt unter Assistenz des Lazaretthilfsgeistlichen Pfarrer Seeliger. Am 8. März 1916 traf gegen 10.00 Uhr der Sächsische König Friedrich August in der Anstalt ein. Er besuchte neben dem Lazarett auch die Anstaltskirche. Kurz vor 12.00 Uhr verlässt der König in seinem Hofsonderzug wieder Arnsdorf. In der Einrichtung verschlechtert sich die Versorgungslage mit allem zusehends. Ab  Ende Oktober des gleichen Jahres muss wegen Kohlemangel das Männerhaus  A 3 geschlossen werden. Patienten erfrieren auf den Stationen. Auch die Beheizung von Kirche und Festsaal haben zu unterbleiben. Die sonntäglichen Gottesdienste finden in dieser Zeit im Vestibül des Verwaltungsgebäudes statt. Für die Weihnachtsfeiertage hat das königliche Ministerium die Beheizung der Kirche genehmigt. Am 10. April 1918 zieht das Schwesternhaus auf Anordnung des Ministeriums des Inneren vom Schloss Hubertusburg nach Arnsdorf. Den Schwestern wird das Haus A 7 zur Verfügung gestellt. Rektor der Schwesternschaft ist Pfarrer Johannes Naumann. 4 Tage später erfolgt die Einweisung von Pastor Friedrich Coch im Vormittagsgottesdienst. Herr Coch ist von der Strafanstalt Hoheneck als 2. Schwesternhausgeistlicher hierher versetzt worden. Er war bis vor kurzem Feldgeistlicher an der Ostfront. Friedrich Coch war 3 Jahre am Schwesternhaus tätig. Danach wurde er in eine andere Einrichtung versetzt. Friedrich Coch wird später in der sächsischen Kirchengeschichte noch eine unrühmliche Rolle spielen.  Mit dem Umzug der Schwesternschaft von Hubertusburg nach Arnsdorf im April 1918 entstand hier ein drittes Pfarramt mit den bereits genannten Pastoren. Das Schwesternhaus war eine staatliche Einrichtung, die bis zu ihrem Umzug und auch unter der Leitung von Rektor Pfarrer Johannes Naumann und seiner Nachfolger im christlichen Sinne geführt wurde. Die Schwesternschüler besuchten regelmäßig die Gottesdienste in der Anstaltskirche und gestalteten sie mit aus. Es gibt Bilder, auf denen die Schülerinnen in ihren schwarzen Sonntagskleidern zu sehen sind, wie sie in Dreierreihen und in zwei Abteilungen, zum Teil mit Musikinstrumenten am Verwaltungsgebäude vorbei zum Gottesdienst gehen.

Ich erinnere mich an eine Stationsschwester der Station B 10/3, die noch in den 60er Jahren sonntags diese Feiertagskleidung im Dienst trug.  

Am 15. 9. 1918 fand zum ersten Mal in der Anstaltskirche die feierliche Einsegnung all der Schwestern statt, die ihre Ausbildung abgeschlossen hatten. Der spätere ÄD Dr. Sagel schreibt hierzu in einem Zeitschriftenartikel: „Der Einsegnungstag soll der größte Tag im Leben einer Schwester sein. Eltern, Verwandte und Freundinnen sind eingeladen. Alle in der Anstalt verfügbaren Säle und Stübchen sind belegt. Das Haus ist voll. 150 Nachtgäste und noch mehr Tagesgäste sind zu beherbergen.“

Das Ende des 1. Weltkriegs, die Novemberrevolution und die danach sich gründende Weimarer Republik veränderten die politische Lage in Deutschland grundlegend. Große Teile der Arbeiterschaft traten aus der Kirche aus. In der Weimarer Verfassung wurde die Trennung von Kirche und Staat festgeschrieben. So war das Sächsische Ministerium des Inneren bemüht, die Schwesternschaft zu öffnen. Vor diesem Hintergrund hatte man Pfarrer Naumann zum 1. Oktober 1923 in den vorläufigen Ruhestand versetzt. Sein Nachfolger war benannt und sofort nach Arnsdorf gezogen. Er war ein Mann, der politisch so eingestellt war, dass die Regierung das Zutrauen hatte, er würde die Schwestern in das von ihr gewünschte Fahrwasser hinüber führen. Dagegen protestierte die Schwesternschaft energisch. Sie fuhren in größeren Gruppen in das Innenministerium und trugen dort wiederholt  ihren Wunsch vor, dass Herr Naumann ihr Rektor bleiben möge.  Dabei wiesen die Ministerialbeamten mehrfach daraufhin, dass die Schwestern doch nicht regimentsweise, sondern einzeln im Ministerium vorsprechen sollten. Letztendlich konnten sich die Schwestern mit ihren Gönnern durchsetzen und Rektor Pfarrer Johannes Naumann blieb bis zur Erreichung seiner gesetzlichen Altersgrenze im Jahre 1926 Rektor des Schwesternhauses. Der 1923 bereits nach Arnsdorf abgestellte Nachfolger musste nach kurzer Zeit, ohne hier jemals seinen Dienst angetreten zu haben, die Anstalt wieder verlassen. Er wurde an eine andere Einrichtung versetzt.  

1925 werden die ersten katholischen Gottesdienste in der Anstaltskirche gefeiert. Die Gemeinde wird von Radeberg aus betreut und  besteht aus 20 bis 30 Gemeindegliedern. Diese Gottesdienste finden monatlich statt.

Anstaltspfarrer war in dieser Zeit und bis 1928 Pfarrer Erich Knabe. Auf ihn komme ich zu sprechen, weil er eine markante Persönlichkeit der Anstaltsseelsorge und  der sächsischen Kirchengeschichte war. In seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Reichskonferenz der Irrenseelsorger setzte er sich auch in der Zeit des Nationalsozialismus für die Schwachen in der Gesellschaft ein. Er unterstützte und förderte die Einführung der Arbeitstherapie nach Simon. Von Arnsdorf wurde er nach Leipzig-Dösen versetzt. In Leipzig traute er in den 30er Jahren ein deutsch-jüdisches Paar in der Thomaskirche was ihm letztendlich seine Anstellung in der Dösener Anstalt kostete. In der Zeit des Kirchenkampfes gehörte er dem Landeskirchenausschuss an, der eine wichtige Vermittlerfunktion im Kirchenkampf der 30er Jahre hatte. Aus dieser Zeit liegt mir ein Brief vom Juni 1937 von Pfarrer Knabe an seinen Vater vor, den ich auszugsweise vortragen möchte.

“Mein lieber Vater, … Du wirst aber nun schon allerlei erfahren haben. Man sieht ganz deutlich, wohin der Kurs geht. Die Kirche soll verstaatlicht werden. Darum werden alle Kirchenregierungen, außer Mecklenburg und Thüringen, bedrängt, gehindert, unterminiert. Man gibt Beschwerdeführern gegen Kirchenregimenter Unterstützung, ohne sachlich zu prüfen. Man glaubt beliebigen Verleumdern mehr als dem Kirchenregiment. Man hat die Finanzverwaltung über die Landeskirchenausschüsse gesetzt … Man verbietet uns Telefonieren, Autobenutzung, Dienstreisen.“ Seine Tochter schreibt in ihrem Tagebuch hierzu am 3.8.1937: „Vater ist heute wieder nach Dresden gefahren, aber er wurde nicht ins Landeskirchenamt hineingelassen.“ Und am 4.8.1937: „Vater packt vorsorglich einen Koffer fürs Konzentrationslager. Alle fünf Pfarrer (die Mitglieder des Landeskirchenausschusses) werden ins Amt gefahren. 5 Landsknechte bringen sie auf ihr Zimmer.“

Diese Zeilen zeigen deutlich, welche Auseinandersetzungen es damals in der sächsischen Landeskirche gab. Letztendlich bereiteten sie die Herrschaft der Deutschen Christen vor. Auf Anordnung des Sächsischen Innenministeriums wurde am 1. 1.1935 das Pfarramt am Arnsdorfer Schwesternhaus geschlossen. Den nationalsozialistischen Machthabern missfiel die christliche Ausrichtung des Schwesternhauses. Der überzeugte Nationalsozialist OA Dr. Klaubert stand jetzt dem Schwesternhaus als Rektor vor.

In dieser Zeit hatte der Radeberger katholische Pfarrer Max Schulz mit ihm eine Unterredung. Der langen Rede Sinn war, dass sein Besuch als katholischer Geistlicher im Hause nicht mehr gewünscht werde. Katholischer Gottesdienst sei in Arnsdorf monatlich einmal. Wer am Gottesdienst der katholischen Gemeinde Anteil nehmen wolle, könne also, wenn kein Hindernis eintritt, monatlich einmal das tun. Auch die katholische Wochenschrift, die er den jungen Lernschwestern bisher zusandte, sei nicht für diese Lernschwestern zugelassen, sondern nur wenn sie von den Lernschwestern abonniert würde. Es solle von jetzt an so im Schwesternhaus für die jungen Lernschwestern gehandhabt werden wie in den Arbeitslagern. Dies sei eine Anordnung des Ministers Fritzsch. Die Schwestern würden sich ihre religiösen Feiern selbst zurecht machen und das Erscheinen des katholischen Pfarrers im Hause hierbei wirke störend. An Stelle der kirchlichen Einsegnung der Schwestern trat jetzt eine nationalsozialistische Weihehandlung.

Der Nationalsozialist Johannes Jauck wird Pfarrer in der Landesanstalt Arnsdorf. Er hält seine Gottesdienste in der braunen SA-Uniform.

Das Tageblatt „Rödertalzeitung“ und „Arnsdorfer Anzeiger“ schreibt unter dem 24.1.1935: „Unser Herr Reichsbischof Müller besucht Arnsdorf und mit ihm der Landesbischof  Friedrich Coch. Sie werden sich erinnern, Coch war 3 Jahre 2. Pfarrer am Schwesternhaus Arnsdorf. Die nationalsozialistische sächsische Landesregierung übertrug 1933 Pfarrer Coch u.a. die Rechte und Befugnisse eines Landesbischofs. Er besaß jedoch keine geistliche Legitimation für dieses Amt. Am 1. Juli verhängte er eigenständig Berufsverbote gegen kirchlich, rassig und politisch missliebige kirchliche Mitarbeiter. Später wies er an, dass im Raum der Kirche u.a. Werke jüdischer Komponisten nicht dargeboten werden dürfen. Pfarrer hatten den Nachweis ihrer arischen Abstammung zu erbringen.  Diese beiden Müller und Coch werden also am 26.1.1935  in der Anstaltskirche empfangen. In einem Aufruf werden alle Volksgenossen der Bewegung, die Kameraden im grauen und braunen Ehrenkleid, die Männer der Faust und der Stirn, deutsche Frauen und deutsche Jugend aufgerufen, sich in ihren Formationen zu stellen und zur Anstaltskirche zu marschieren.“ Die Fahnenträger sollen auf der Treppe zur Anstaltskirche den beiden Herren einen würdigen Empfang mit einem aufrichtigen Heil Hitler bereiten. Die Fahnenträger zogen dann mit den Anwesenden und den beiden Ehrengästen in die Kirche ein und der Anstaltspfarrer hielt eine kurze Ansprache.

Wie beschämend sind doch diese Bilder, die einem da in den Sinn kommen.

  

Jauck betätigte sich sowohl im Auftrag der NSDAP als auch auf eigene Veranlassung hin immer wieder als weltanschaulicher Redner. Er hat auch in Arnsdorf die erste weltanschauliche Eheweihe gehalten. Er hält Lebensweihen an Stelle der christlichen Taufe.

Außerdem führt er Jugendleiten für Kinder aus Arnsdorf, der Anstalt und den umliegenden Gemeinden durch.

Konsequenterweise schließt das nationalsozialistische sächsische Innenministerium Ende 1938 alle sächsischen Anstaltspfarrämter. Damit ist Jauck arbeitslos. Der Kirchenvorstand der Anstaltsgemeinde, der bisher nur auf dem Papier bestand, tritt zurück. Jauck findet schnell wieder eine Anstellung. Er erteilt jetzt als weltanschaulicher Lehrer Unterricht am staatlichen Schwesternhaus Arnsdorf und erstellt Akten von Patienten der Anstalt für erbbiologische und sittenkundliche Zwecke. Er nimmt in keiner Weise mehr am kirchlichen oder gottesdienstlichen Leben teil, hält aber weltliche Ansprachen, zum Beispiel in Arnsdorf anlässlich des Geburtstages von Adolf Hitler,  im Stadtkrankenhaus Radeberg und gibt politische Unterweisungen für Rückgeführte im Lager Langebrück. Der Pfarrer Ernst J. Friedrich hat Jauck schon vor längerer Zeit darauf aufmerksam gemacht, wie er durch sein Verhalten seiner Kirche Abbruch tut. Dafür fand er bei ihm leider kein Verständnis. Als Pfarrer und Mitglied der sächsischen Landeskirche ist meines Wissens Jauck nicht mehr in Erscheinung getreten.

Durch Verfügung vom 10.3.1939 hat das Ev.-Luth. Landeskirchenamt die bisherigen Anstaltsgemeinden rückwirkend ab 1.1.1939 als Kirchgemeinden im Sinne der Kirchgemeindeordnung neu errichtet. Das Kirchspiel deckt sich jetzt mit dem Gebiet der Anstaltsgemeinde. Mitglieder der neuen Kirchgemeinde sind alle Anstaltsinsassen und alle im Gebiet der Anstalt selbst wohnhaften Beamten und Angestellten sowie deren Familien und Haushaltsangehörigen. Damit gehören z.B. nicht mehr zur Anstaltsgemeinde die in Wallroda wohnenden Beamten der Anstalt. Es war ein Segen, dass die Superintendentur Kamenz ab 1.2.1939 mit Ernst J. Friedrich einem Mann, der der Bekennenden Kirche nahe stand, die Aufgaben eines Anstaltspfarrers übertrug. Friedrich gehörte seit 1934 dem Pfarrernotbund an. Er war seit 1925 Pfarrer von Wallroda und Arnsdorf. Zu seinen ersten Aufgaben gehörte die Berufung eines neuen Kirchenvorstandes. Als erste Kirchenvorstandsmitglieder wurden bestätigt Kantor Erich Jäckel und Oberpfleger Martin Clemens. Später kam der Krankenpfleger Oswin Schaal hinzu. Er war der Vater von Johannes Schaal, der zu DDR-Zeiten Pfarrer für  die Schausteller und Artisten war und später Pfarrer in Freital wurde. Die Familie wohnte in Arnsdorf. Gottesdienst wird aller 14 Tage im Wechsel zwischen den beiden Kirchen gehalten, und zwar 9.00 Uhr vormittags in der Dorfkirche und 13.30 Uhr nachmittags in der Anstaltskirche.  

Am 25. Mai 1940 schreibt Pfarrer Friedrich an den Landesverein für Innere Mission, Dresden unter Registriernummer 140/40, dass auf dem Anstaltsfriedhof 1938  101, 1939   200 und bis 25.5.1940   101 Verstorbene begraben wurden. Diese Zahlen tauchen in der Denkschrift von Pastor Braune an Adolf Hitler vom 9. Juli 1940 wieder auf.  Hier beklagt Braune die menschenunwürdigen Zustände, u.a. in den sächsischen Anstalten. Er prangerte gleichzeitig die Vernichtung von tausenden sogenannten lebensunwerten Menschen in den Heil- und Pflegeanstalten an. Seine Ausführungen werden ergänzt durch Informationen von Patientenbetreuern der Inneren Mission. Sie betreffen auch ganz konkret die unwürdigen Zustände in der Arnsdorfer Heil- und Pflegeanstalt.

1939 beginnt der zweite Weltkrieg. Im Folgejahr wird in der Anstalt ein Lazarett mit 700 Betten eingerichtet. Im nächsten Jahr werden es 1283 und  1942  1398 Betten sein.   

Übereinstimmend berichten sowohl Pfarrer Friedrich als auch der katholische Pfarrer Max Schulz aus Radeberg, dass sie nur unter erschwerten Bedingungen Zugang zu den Verwundeten im Reservelazarett Arnsdorf hatten. So mussten sie sich vor Betreten der Krankensäle z.B. bei der Abteilungsschwester des Lazaretts darüber informieren, welche Verwundeten und Kranken den Wunsch nach seelsorgerlicher Betreuung geäußert hatten.

Geistliche Literatur wie Bibeln, Andachtsbücher u.ä. wurden zensiert. Es gab Vorgaben,  welche Literatur die Geistlichen mit ins Lazarett nehmen durften. Das Mitwirken der Lazarettinsassen bei der Ausgestaltung der Gottesdienste war unzulässig. Der katholische Pfarrer Max Schulz berichtet, dass es Fremdarbeitern, die ja hauptsächlich aus dem Osten kamen, untersagt war, an Gottesdiensten teilzunehmen. Dies wurde auch zu den Gottesdiensten polizeilich kontrolliert. Als in der Anstalt alle Bibeln, Gesangbücher und Andachtsbücher gesammelt und vernichtet werden sollten, wandte sich Pfarrer Friedrich an Anstaltsdirektor Dr. Sagel, mit der Bitte, ihm diese Bücher doch zu überlassen, da die Beschaffung von Bibeln usw.  in dieser schweren Zeit praktisch unmöglich sei. Ob seine Bitte Erfolg hatte, ist nicht bekannt. 1943 verfügt  die Anstaltsleitung die Schließung der Anstaltskirche. Pfarrer Friedrich fragt sowohl im September 1943 als auch zwei Monate später bei Dr. Sagel an, wann die Kirche wieder zur gottesdienstlichen Nutzung freigegeben wird. Er erhält von Dr. Sagel die lapidare Antwort: „Die Neuorganisation der Anstalt sei noch nicht abgeschlossen.“ Damit war die Anstaltskirche zumindest bis zum Ende 1945 für die Kirchgemeinden nicht mehr nutzbar. Sie wurde vermutlich ab 1944 durch die Anstalt als Möbellager genutzt. Die Anzahl der im Lazarett untergebrachten Verwundeten stieg weiter. Der Kirchenbezirk Kamenz beauftragte Pfarrer Friedrich auch noch mit der seelsorgerlichen Betreuung der Verwundeten. Er war als einziger evangelischer Pfarrer für die seelsorgerliche  Betreuung der im Lazarett befindlichen Soldaten zuständig. Von katholischer Seite aus war neben Pfarrer Schulz, der 1942 und 44/45 für mehrere Monate von den Nazis eingekerkert wurde, auch ein Feldgeistlicher und einer der in Dresden ausgebombten Jesuitenpater eingesetzt. Beide, sowohl Pfarrer Schulz  als auch Pfarrer Friedrich fuhren mit dem Fahrrad zu ihren Diensten von Radeberg bzw. Wallroda nach der Anstalt. Lazarettgottesdienste fanden monatlich im heutigen Festsaal des Kulturhauses solange statt, bis auch dieses Gebäude mit Verwundeten belegt werden musste. Ein später vom Militär als Gottesdienstraum angebotener Werkstattsaal war vollkommen verdreckt und für diese Zwecke nicht nutzbar.

Im Arnsdorfer Reservelazarett  liegen Anfang 1945 über 1700 Verwundete, von denen 156 sterben, die auf dem Anstaltsfriedof bestattet sind. 2005 wurde er in eine Kriegsgräberstätte umgestaltet. Die anderen Gebäude sind mit ausgelagerten Abteilungen von Dresdner Krankenhäusern belegt. Die wenigen verbliebenen Kranken der Anstalt hatte man im Gebäude A 2 und einem Teil der A 7 zusammengefasst.

Ihnen ist sicher nicht verborgen geblieben, dass ich mit keinem Wort die seelsorgerliche Arbeit  an den wenigen noch verbliebenen Insassen der Anstalt erwähnt habe. Darüber liegen leider keine Berichte vor. Die letzten beiden allgemeinen Anstaltsgottesdienste fanden vor Schließung der Anstaltskirche in der Passionszeit 1943 statt. Im Folgejahr hielt eine Vikarin aus Berlin- Zehlendorf für die Schwestern einer Kinderklinik im Haus B 8 eine Abendmahlsfeier. Offenbar wurden die nach hier ausgelagerten Krankenhausabteilungen von eigenen Seelsorgern betreut. In dieser Zeit bestand für die Kranken und gehfähigen Verwundeten des Lazaretts die Möglichkeit, die wöchentlichen Gottesdienste in der Dorfkirche zu besuchen.

  

Als am 8. Mai 1945 die Rote Armee in Arnsdorf einzieht, findet sie die Anstalt fast leer von Kranken. Lazarett und Ausweichkrankenhäuser haben sich aufgelöst. In einem Brief an das Bezirkskirchenamt schickt Pfarrer Friedrich eine Liste über 12 Gräber von Fremdarbeitern und verschleppten Personen, die auf dem Anstaltsfriedhof bestattet sind. Als letzte Sterbetage werden der 29.6. und 20.9.1945 genannt. Die hier bestatteten Personen  waren nicht in Arnsdorf, sondern in Dresden und dem Raum um Pirna, Riesa und Meißen eingesetzt. Wie sie hierher gekommen sind und warum diese Menschen gestorben sind oder sterben mussten, ist mir nicht bekannt. Davon bleibt unberührt, dass natürlich auch in unserem Ort Fremdarbeiter eingesetzt waren. Mit ihrem Schicksal und ihrem Leidensweg haben wir uns in Arnsdorf noch nicht befasst!



Zur Krankenhausseelsorge

Mit dem verlorenen 2. Weltkrieg zog eine Vielzahl von Flüchtlingen durch Arnsdorf. Ein Teil davon erhielt hier Aufnahme, wurde heimisch. Viele fanden eine Heimat in unseren Gemeinden. Sie zählten und zählen noch heute zu ihrem aktiven  Kern. Mit diesen Flüchtlingstrecks erreichte am 23. Dezember 1945 der Zistertienzer Pater Ewald Fuchs mit 6 Borromäer-Schwestern Arnsdorf. Bereits am nächsten Tag, also am 24.12.1945, hielt Pater Fuchs für die katholischen Christen eine Christmesse in der evangelischen Dorfkirche zu Arnsdorf.  Die Borromäerinnen richteten sich im Gebäude B 10 ein und  eröffneten im 1. Stock des Gebäudes eine Infektionsstation. Dort wohnten sie vorerst mit ihrem Pater. In einer kleinen Hauskapelle in diesem Gebäude fand täglich Gottesdienst statt. Ihr Krankenpflegedienst wurde dankbar von den Kranken aus Nah und Fern angenommen. Sie begannen auch mit anderen Krankenschwestern die Anstaltskirche, das einem Möbellager glich, zu beräumen und für Gottesdienste wieder herzurichten. Auf der linken Seite des Chores stellten sie eine Marienstatue auf, die sie aus ihrer Heimat von Trebnitz bei Breslau mitgebracht hatten. Diese Marienstatue befindet sich noch heute, inzwischen farblich aufgefrischt, in unserer Kirche. In dieser Zeit entsteht durch die vielen Umsiedler eine eigenständige katholische Ortsgemeinde. Zur Entlastung des Pfarramtes Radeberg versah Pater Fuchs in dieser Zeit die Seelsorge in der Heil- und Pflegeanstalt. Außerdem betreute er die zahlreich zugezogenen Katholiken im Ort. Katholische Gottesdienste finden wöchentlich statt.  

Pfarrer Friedrich ist weiter mit der Seelsorge an den evangelischen Patienten der Anstalt betraut. Es finden wieder 14-tägig Gottesdienste in der nunmehr beräumten Krankenhauskirche statt. Die Zahl der Abendmahlsgäste steigt leicht an. Er führt auch Krankenbesuche und Abendmahlsfeiern auf  Stationen durch.

Zum 31.12.1949 wird den Borromäerinnen durch die Anstaltsleitung gekündigt. Sie müssen die Anstalt verlassen und werden von ihrem Orden auf andere Gemeinden verteilt. Der Abgang der Schwestern war für die katholische Gemeinde ein spürbarer Verlust. Pater Fuchs war bereits im September 1947 von seinem Orden abberufen worden. Seine Arbeit übernahm der Pfarrvikar Dittel, später Pfarrer Dittel. Er wohnte damals auch in der Anstalt. Ihm wurde seine Wohnung ebenfalls zum 31. 12. 49 gekündigt.

In den Kirchenvorstand der evangelischen Anstaltsgemeinde wird Schwester Katharina Weber aufgenommen. 1951 plant das Landeskirchenamt eine Änderung der geistlichen Versorgung der Glieder der Anstaltskirchgemeinde. Die Patienten und Pfleglinge werden künftig vom Pfarrer aus Fischbach kirchlich betreut. Dafür ist sein Filial Wilschdorf nach Dittersbach umgepfarrt worden. Die Glieder der Personalgemeinde gehören ab März 1951 zur Ortsgemeinde Arnsdorf. Damit hört die eigenständige Anstaltsgemeinde auf zu bestehen. PfarrerWinter, Fischbach, wird damit erster Anstaltspfarrer, der sich nur noch um die Seelsorge der Patienten zu kümmern hat. Am 2.2.1956 verstarb Pfarrer Winter im Alter von 31 Jahren. Im gleichen Jahr übernimmt Pfarrer Zweynert seine Aufgaben.

Mit der Einführung der Psychopharmaka und der Anwendung moderner diagnostischer und therapeutischer Verfahren wandelte sich die Landesanstalt schrittweise zu einem Krankenhaus. Das hatte auch Auswirkungen auf die Krankenhausseelsorge. Das sogenannte Altenheim blieb noch bestehen. Erste Stationen wurden offen geführt. Der Gottesdienstbesuch nahm kontinuierlich zu, da er jetzt auch von Patienten der offenen Stationen ohne Personalbegleitung besucht werden konnte. So wurden jetzt auf mehreren Altersheimstationen Andachten und Abendmahlsfeiern gehalten. Am 17.12.1959 erhielten sowohl Pfarrer Süß als auch Pfarrer Zweynert vom Ärztlichen Direktor die Mitteilung,  dass sie ihre Stationsinnenschlüssel abzugeben haben. Ursache hierfür war die Beschwerde eines auf einer Station behandelten Parteisekretärs. Trotzdem muss man feststellen, dass krankhausfremde Personen ohne Wissen des Personals die Stationen nicht mehr betreten sollten. Weihnachtsfeiern fanden zu dieser Zeit auf den Stationen statt. An ihnen nahm entweder der Ärztliche Direktor oder sein Stellvertreter und jeweils ein Pfarrer teil. Musikalisch wurden die  Feiern durch einen Flötenkreis aus Fischbach oder aber von Arnsdorfer Kurrendekindern umrahmt. Eine zentrale Weihnachtsfeier in der Kirche wurde erst nach der Wende eingeführt. Anfang der 60er Jahre nahmen bis zu 1000 Patienten an den Abendmahlsfeiern sowohl auf den Stationen als auch zu den Abendmahlsgottesdiensten in der Krankenhauskirche teil.

Zur 50jährigen Kirchweihe 1963 gab es zwei Festgottesdienste .Einen davon hielt  Professor Heinz Wagner aus Leipzig. An diesem Gottesdienst nahmen auch 180 Schwestern des ehemaligen Schwesternhauses teil, die von Schwester Rosel Mütze und Schwester Edith Benz eingeladen worden waren. Außerdem gab es eine Posaunenfeierstunde des Landessextetts der sächs. Posaunenmission. Die katholische Gemeinde beging das 50jährige Kirchweihjubiläum mit einer religiösen Woche. Im Festgottesdienst sangen die Dresdner Kapellknaben. Das Hochamt hielt Pfarrer Wyrwich. Zu diesem Gottesdienst waren 4 Busse eingesetzt, die die Gemeindeglieder aus den umliegenden Orten nach Arnsdorf brachten.  

1964 brach im Raum Radeberg eine epidemische Hepatitis aus, die bis Weihnachten ca. 800 Krankenhauseinweisungen zur Folge hatte. Die Infektionskrankheit griff auch auf die Stationen des Krankenhauses über. Aus diesem Grunde konnten ab dem Herbstbußtag bis zum 30. Januar 1965 keine Abendmahlsfeiern gehalten werden. Das Krankenhaus übernahm 1965 die Außenstelle in Schmeckwitz. Es wurden 120 Frauen nach Schmeckwitz verlegt. Das wirkte sich auf den Gottesdienstbesuch aus. Trotzdem kamen während dieses Jahres 2000 Kranke zu den Gottesdiensten in die Krankenhauskirche. Im Laufe des Jahres 1966 kam es zur Verlegung  von etlichen Patienten in die vom Krankenhaus übernommene ehemalige TBC-Heilstätte Königsbrück. Den Geistlichen und der Kurrende sowie dem Kirchenchor wird die Mitwirkung an den Stationsweihnachtsfeiern untersagt. Am 1.4.1967 übernimmt Pfarrer Dr. Bernd Satlow die Pfarrstelle in Fischbach und wird Krankenhausseelsorger im Bezirkskrankenhaus für Neurologie und Psychiatrie in Arnsdorf. Der Seelsorgedienst im Krankenhaus, d.h. auf den Stationen, ist nur noch in ganz bescheidenen Umfang möglich. Die Seelsorger dürfen lediglich zu einzelnen Kranken, wenn diese seinen Besuch wünschen. Auf diese gesetzliche Bestimmung wies der Ärztliche Direktor, Medizinalrat Dr. Wieder, bei dem Antrittsbesuch von Pfarrer Dr. Satlow hin. Somit mussten jetzt die Geistlichen Kontakte zu den Angehörigen oder zu den Heimatpfarrämtern pflegen, um die Patienten betreuen zu können. Auch Andachten, an denen sich mehrere Patienten beteiligen, dürfen nicht mehr auf Station gehalten werden.

Noch 1967 führte die frühere Arnsdorfer Kantorin Frau Susanne Wagner den Orgeldienst in der Krankenhauskirche aus. In der katholischen Gemeinde hatte diesen Dienst  von September 1953 bis zu seinem Tode im Mai 1966  Herr Alfred Tannigel übernommen. Er war Lehrer in Arnsdorf und der Vater des späteren Bezirksschulrates Jochen Tannigel. Seine Nachfolger im Organistendienst waren Herr Wolfgang Hennig und Herr Wolfgang Förster.  Im September 1967 wird die Kantorkatechetenstelle in Fischbach hauptamtlich besetzt. Frau Ingeborg Wendt und danach Frau Satlow spielen jetzt das Harmonium zu den evangelischen Gottesdiensten. Erstmalig wird in der Christvesper zur großen Freude der Gemeinde ein Krippenspiel von den Fischbacher Christenlehrekindern aufgeführt. Ab 1975 übernimmt die Junge Gemeinde von Fischbach das Krippenspiel.  Dieses Krippenspiel wird zu einem festen Bestandteil der Christvespern bis zur heutigen Zeit. Pfarrer Dr. Satlow versteht es, in den Küster- und Glöcknerdienst eine Vielzahl von Patienten einzubinden. Zu nennen sind hier Herr Thomas Schulze, der bis zu seiner Verlegung nach Königsbrück in großer Treue, zusammen mit anderen Kranken die Glocken geläutet hat, sowie die Patienten Hubert Schmidt, Annemarie Fischer und Siegfried Hirsch. Sie teilten Gesangbücher aus und sorgten für Ordnung bei der Ausspeisung des Abendmahls.

Im Laufe der nächsten Jahre bildete sich ein Bibelgesprächskreis für Patienten, der sich in der Sakristei der Krankenhauskirche zusammen fand. Auch wurde eine Patientensingestunde ins Leben gerufen. Große Schwierigkeiten bereitete in den Folgejahren die Herausgabe der Fischbacher Kirchennachrichtenblätter mit den Informationen zur Krankenhausseelsorge. Die Manuskripte für diese Blättchen und Vervielfältigungen aller Art mussten mindestens 2 Monate vor ihrer Veröffentlichung beim Rat des Kreises, Abtlg. Inneres, Referat Druckgenehmigungen eingereicht werden. So wurde z.B. 1969 eine Information zum 25. Jahrestag des Attentats auf Adolf  Hitler verboten. Nicht genehmigungsfähig war auch eine Information zur Ankündigung der Schulanfängerandacht 1978. Stattdessen sollte von einer Andacht für die künftigen Christenlehrekinder geschrieben werden. Obwohl diese Dinge unmittelbar mit der Krankenhausseelsorge nichts zu tun hatten, zeigen sie doch unter welch schwierigen Bedingungen damals Seelsorge und auch Krankenhausseelsorge geleistet wurde.

Um die Forderung der Abtlg. Inneres zu umgehen, haben z.B. viele Frauen der Arnsdorfer evangelischen Kirchgemeinde die Programme für das jährliche Adventsliedersingen einzeln mit 4 Durchschlägen mit der Schreibmaschine geschrieben. Pfarrer Dr. Satlow brachte dann im Rucksack und per Fahrrad die Fischbacher Gesangbücher mit in die Krankenhauskirche, damit alle die im Programm aufgeführten Lieder mitsingen konnten.

Bereits ab 1.8.1984 ist die Lokalkaplanei der katholischen Kirche wieder aufgelöst. Seitdem wird die Arnsdorfer Gemeinde vom jeweiligen Radeberger Pfarrer betreut.  

Anlässlich des 75jährigen Kirchweihfestes der Krankenhauskirche  wurde 1988 der Dokumentarfilm über Martin Niemöller „Was würde Jesus dazu sagen“ aufgeführt. Dazu hatte Pfarrer Dr. Satlow  die einzelnen Mitglieder der Krankenhausleitung, vom Parteisekretär bis zum Ärztlichen Direktor, persönlich eingeladen, die zu der Filmaufführung auch erschienen. An diesem Abend regnete es heftig und man hörte die Regentropfen vom Kirchendach durch das Deckengewölbe auf die Bänke in der Krankenhauskirche klatschen. Der bauliche Zustand der Kirche verschlechterte sich zusehends. Das Kircheninnere ließ seine ursprüngliche Pracht und Schönheit nur noch erahnen. Zu einem Adventsliedersingen fiel ein kleines Stück Putz von der Kirchendecke heraus auf  die Instrumentalisten. Pfarrer Dr. Satlow wies die Krankenhausleitung und die Abtlg. Inneres wiederholt auf den schlechten Zustand der Krankhauskirche hin und forderte eine Abstellung der Schäden. Letztendlich trug sich die Abtlg. Inneres des Rates des Bezirkes mit dem Gedanken, aus der Krankenhauskirche eine Spielstätte für die Landesbühnen zu machen. Zum Glück fehlte damals hierfür das Geld.

Pfarrer Dr. Satlow war in seinem Auftreten ein bescheidener Mann, aber äußerst redegewandt und rhetorisch begabt. Mir sind heute noch seine Auftritte in den zentralen Elternversammlungen im Festsaal des Kulturhauses in Erinnerung, wo er die Sorgen der Eltern über die paramilitärische Ausbildung sowie die weltanschaulichen Zwänge bei der schulischen Erziehung der Kinder zum Ausdruck brachte. Er war auch für manche Beschäftigte des Krankenhauses ein guter Seelsorger, der sie in seiner Standhaftigkeit im Glauben in ihren persönlichen Nöten beriet und half. Am 31. Juli 1998 endete die Dienstzeit von Pfarrer. Dr. Satlow aus Altersgründen. Er stirbt unerwartet kurze Zeit später auf einer Reise in Israel. Am 5.6.1999 findet die Trauerfeier für ihn in der bis auf den letzten Platz gefüllten Krankenhauskirche statt.

In der Zwischenzeit lag die Wende mit ihrer friedlichen Revolution. Am 1.9.1989, dem Weltfriedenstag, formiert sich ein Zug von 15 bis 20 engagierten Christen an der Dorfkirche. Sie ziehen mit einem Plakat, auf dem Frieden in verschiedenen Sprachen steht, durch das Dorf zur Krankenhauskirche, wo der Zug endet. An der Spitze der damalige Arnsdorfer Varkanzvertreter Pfarrer Littig im Talar. Der Bürgermeister hatte damals nichts gegen diese „Demonstration“ einzuwenden.  

Bis zum Ende der DDR-Zeit lagen im Bezirkskrankenhaus Arnsdorf  über 2100 Patienten. Sie waren in menschenunwürdigen Sälen mit bis zu 30 Betten untergebracht. Nach der dringend notwendigen Endhospitalisierung und der Sanierung vieler Krankenhausgebäude weist das Krankenhaus heute noch ca. 450 Betten einschließlich der tagesklinischen Plätze aus. In der Einrichtung besteht mit dem Haus am Karswald ein organisatorisch selbständiges Heim mit ca. 170 Bewohnern. Viele der sogenannten alten Arnsdorfer Patienten wurden entlassen, in andere Heime und Einrichtungen verlegt, wo sie zielgerichtet gefördert und ihre Persönlichkeit besser entwickeln konnten. Sie wurden in die Lage versetzt, ihr Leben eigenständig oder mit Unterstützung selbst zu gestalten.  Die drastisch zurückgehenden Patientenzahlen blieben nicht ohne Auswirkung auf die Besucherzahlen der Gottesdienste. Heute trifft sich zu den 14tägigen Gottesdiensten in der Krankenhauskirche eine kleine Patientengemeinde sowie eine kleine katholische Gemeinde. Gut gefüllt ist die Kirche dagegen zu den kirchlichen Festen und zum Adventsliedersingen das seit 1962 stattfindet, sowie zu den großen Gemeindefesten der katholischen Gemeinde. Es gibt  eine Vielzahl von Chorkonzerten .

Die neue Zeit brachte die Möglichkeit der dringend notwendigen Sanierung und Restaurierung der Krankenhauskirche. Die Arbeiten begannen 1991 und zogen sich bis  in den November 1996 hin. Das restaurierte und sanierte Gotteshaus konnte zum 1. Advent 1996 im Rahmen des ökumenischen Adventsliedersingens in der voll besetzten Kirche wieder eingeweiht werden. Das elektrische Läutewerk der Kirche wurde erst im Folgejahr installiert.

Im Jahre 2000 schließt der Freistaat Sachsen sowohl mit den Bistümern Dresden-Meißen, Görlitz und Magdeburg als auch mit der ev. Landekirche zur Seelsorge in staatlichen Krankenhäusern eine Vereinbarung ab. In dieser Vereinbarung ist geregelt, dass die Seelsorge in den Krankenhäusern und Heimen ein Teil der Seelsorge der Kirchen ist. Die Seelsorge in den landeseigenen Krankenhäusern und den Heimen, die dem Sozialministerium nachgeordnet sind, wird durch Krankenhausseelsorger wahrgenommen. In dieser Vereinbarung ist auch geregelt, dass dem Krankenhausseelsorger ein gottesdienstlicher Raum und ein Dienstzimmer zur Verfügung gestellt werden und dass bei der Aufnahme des Patienten im Krankenhaus die Konfession abgefragt wird. Angaben hierzu bleiben dem Patienten überlassen. Weiter hat der Krankenhausseelsorger im wesentlichen folgende Aufgaben: die Feier von regelmäßigen Gottesdiensten, das Angebot von Gruppenarbeit, Gespräche mit einzelnen Patienten, mit Patientengruppen, gegebenenfalls auch unter Hinzuziehung medizinischem Fachpersonals, die Seelsorge gegenüber Mitarbeitern des Krankenhauses, wenn das gewünscht wird, die Mitwirkung an der Weiterbildung der Mitarbeiter des Krankenhauses, insbesondere hinsichtlich ethischer Fragen usw. Im Krankenhaus sind dabei die sicherheitstechnischen Anforderungen und Bedürfnisse der einzelnen Kliniken zu beachten. Die Krankenhausseelsorger sind beim Bistum bzw. der Landeskirche angestellt. Die Finanzierung ihrer Arbeit erfolgt anteilig durch das Sozialministerium des Freistaates und die kirchlichen Gremien.

Auf dieser Grundlage werden in den Folgejahren Krankenhausseelsorger von der Landeskirche und dem Bistum bestellt, die über eine entsprechende abgeschlossene Weiterbildung für Krankenhausseelsorge verfügen. Seelsorge am Sächsischen Krankenhaus ist zwar konfessionell unterschieden, dennoch steht sie heute als Möglichkeit allen Patienten, Angehörigen und Mitarbeitern des Krankenhauses und des Heimes offen.